Uns wurde in den vergangen neun Jahren schon viele Male prophezeit, dass wir bald sesshaft würden und das mit dem Reisen vorbei sei. Am logischsten erschien vielen Menschen diese Entwicklung im Kontext unseres ersten eigenen Kindes. „Mit Kind geht das nicht mehr!“ kam uns oft zu Ohren. Heute können wir schon mal aus Erfahrung sagen: oh doch, das geht! Vielmehr ist es sogar so, dass uns zwei sechsmonatige Aufenthalte in Thailand MIT Kind gezeigt haben, dass wir unser Kind nicht (nur) in Deutschland aufwachsen lassen möchten.

In jeder der bisherigen Entwicklungsphasen wäre wir mit unserem inzwischen fast vierjährigen Sohn lieber in Thailand als in München gewesen. Wir möchten euch gerne einige Einblicke gewähren und erklären, warum wir das so empfinden. Streng subjektiv und ohne jeden Anspruch auf allgemeine Gültigkeit.

Dabei lassen sich viele der Punkte auf andere Länder als Thailand übertragen, auch in Südeuropa und anderen Regionen haben Kinder und eine angemessene Kindheit einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Weniger Stress und weniger Verbissenheit im alltäglichen Dingen sind beispielsweise Italienern und Thais durchaus gemein, abgesehen vom besseren Essen.

Kinder im Öffentlichen Leben – eine Seltenheit

Kinder verschwinden in Deutschland mehr und mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sind der Regel schon sehr früh in Kitas oder anderen Einrichtungen untergebracht und bei vielen geht es auch ausserhalb davon recht strukturiert zu: Musikschule, Babyturnen oder Sprachkurse. André Stern beschreibt das in seinem Buch „Ich war nie in der Schule“ sehr schön, wie das tägliche Spazieren gehen mit seinem Sohn durch die Straßen von Paris Verwunderung bei den Leuten auslöste – aber auf eine positive Art. Ein Kind, dass sich einfach an dem Treiben auf den Straßen erfreut und auch mal eine ganze Stunde den Baggern zuschauen kann – er machte dabei tolle Begegnungen und neue Bekanntschaften, aber in erster Linie machte sein Sohne tolle Erfahrungen, die ihm keiner mehr nehmen kann. Ermöglicht wurde ihm das, weil er nicht schon mit zwei Jahren sein Leben nach Terminen und Stundenplänen ausrichten musste, sondern vielmehr frei sein durfte.

Einen schönen Beitrag zu dem Thema „Abwesenheit von Kindern“ gab es vor einiger Zeit in dem tollen Blog Ganz normale Mama.

André Stern ist es auch, der die These vertritt, dass Kinder nicht in erster Linie von Kontakten zu Gleichaltrigen profitieren, sondern vielmehr ganz allgemein von Kontakten zu Menschen, ganz egal welcher Altersklasse. Diese Erfahrung machen wir auch regelmäßig mit Liam und wir möchten ihm diese Chance auch weiterhin geben.

Als Baby ist man in Thailand überall willkommen

Vieles von dem, was wir von Anfang an umgesetzt haben ist nach wie vor normal in Thailand und in Deutschland eher die Ausnahme. Sei es das Familienbett (bis zum heutigen Tag), die Tatsache das wir Liam immer getragen haben und gar keinen Kinderwagen eingesetzt haben oder das Stillen nach Bedarf und nicht nach Zeitplänen. Wir haben auch kein Schlafprogramm gebraucht und ich (Chris) gehe nach wie vor jeden Tag mit Liam ins Bett, erzähle ihm vom Tag und warte bis er tief und fest schläft. Windelfrei ist so ein weiteres Thema, dass uns sehr am Herzen lag, einen schönen Artikel dazu gibt es auf dem Blog Intuitive Eltern.

Leider gibt es auch in Thailand vor allem in den „fortschrittlichen“ Schichten viele, die einen Kinderwagen nutzen oder lieber die Flasche geben. Aber die für uns natürlicheren Ansätze sind noch allgegenwärtig und gängig, vor allem im ländlichen Thailand.

Wir haben mal folgenden Spruch einer Freundin gehört: „In Thailand ist das Baby Allgemeingut!“ Und zwar im positiven Sinn, da alle Teil haben möchten an der Freude und der Liebe, die so ein kleines Lebewesen symbolisiert.

Als Liam 15 Monate alt war und wir mit ihm auf dem Roller durch Pai gefahren sind haben Menschen seinen Namen gerufen und ihm zugewunken, die selbst wir nicht kannten. Er war damals schon bekannt wie ein bunter Hund und hat diese Popularität letzten Winter ausgebaut.

Wir haben dank einiger Italiener bei uns in München ähnliches geschafft, wenn wir durch die Mailingerstr. gehen müssen wir in mehreren Läden Stops einlegen, damit er seine Freunde begrüßen kann und er wird immer herzlich empfangen. Aber leider ist das die Ausnahme und nicht die Regel.

Als Kleinkind in Thailand – die Zuneigung anderer Menschen hält an

Spätestens wenn das Kind dann laufen und brabbeln kann, geht in Deutschland die „Erziehung“ los, der Druck von außen ein „braves“ Kind zu haben mit vielfältigen Interessen und Hobbys. Kurse für alles mögliche und idealerweise korrektes Verhalten im öffentlichen Leben, Knigge lässt grüßen. Nicht falsch verstehen: wer unser Kind kennt weiss, dass er kein frecher oder zügelloser Wilder ohne Benimm ist, ganz im Gegenteil, die Leute sind immer wieder erstaunt hinsichtlich seiner Offenheit und Freundlichkeit, mit denen er auf Menschen zugeht, wie er sich selbständig bedankt, wenn man ihm etwas gibt oder wie er in einem Lokal um etwas zu trinken bittet. Aber das ist wohl in erster Linie ein Sache der Vorbilder um ihn herum, wie auch Jesper Juul gerne betont, und weniger ein Erziehungseffekt.

In Thailand hat ein 2-jähriger eine ganz wichtige Aufgabe: er muss Kind sein und wie ein solches darf es sich verhalten. Das reicht dann schon um tagtäglich unzählige Erwachsene, Bekannte oder Fremde, in seinen Bann zu ziehen, zum Lachen zu bringen und um Freude zu verbreiten. Und damit ist schon alles erfüllt, was von dem Kind erwartet wird – Punkt!

Wenn ich überlege, wie oft wir bei Spaziergängen und beim Einkaufen in München schief angeschaut wurden und auch angesprochenen wurden, weil Liam im Weg stand, obwohl genug Platz zum vorbeigehen war. Aber selbst der kleinste Umweg wegen einem Kind ist oft ein Schritt zuviel, man ist ja schließlich in Eile, da stört so ein Kind nur. Aber zum Glück trifft man diese störenden Kinder eh immer weniger an, siehe oben! *Ironie aus*

Wir haben damals eine recht prägende Erfahrung gemacht als wir mit Liam zum ersten Mal aus Thailand zurück kamen. Er war damals 19 Monate alt und hatte die 6 Monate davor in Thailand verbracht. Er war es gewohnt, dass wildfremde Menschen stehen geblieben sind, um ihn an zu lachen oder das Kellner das Arbeiten einstellten um sich ihm zu widmen. Und in München? Die Verkäuferin beim Bäcker reagierte nicht einmal auf sein Strahlen und seine aktive Kontaktaufnahme, der Kellner rümpft höchstens die Nase. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis er sich daran gewohnt hatte, bis dahin schaute er uns immer verwirrt und irritiert an und verstand die Welt nicht mehr – und da hatten sich viele Sorgen gemacht, dass er sich in Thailand wegen der Sprache schwer täte.

Lächeln oder ignorieren – was ist wohl langfristig besser?

Nach dem Erlebten kamen wir zu dem Schluss, dass es für ein Kind und den sich daraus entwickelnden Erwachsenen wohl durchaus einen Unterscheid machen dürfte, ob es andauernd mit einem Lächeln empfangen wird oder immer wieder auf Kälte und Abneigung stößt. Man stelle sich mal vor, dass man seine ganze Kindheit lang die Erfahrung macht, dass man gern gesehen ist – es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Auswirkungen auf das Sozialverhalten als Erwachsener vorzustellen. Da wunderten wir uns auch gar nicht mehr über die Haltung gegenüber Kindern in Deutschland auch gar nicht mehr – schließlich sind die meisten hier ja unter genau diesen Bedingungen groß geworden.

Es ist uns natürlich klar, dass nicht alle Deutschen kinderfeindlich sind und alle Thais Kinder lieben. Es geht uns vielmehr um die allgemeine Stimmung und das daraus resultierende Lebensgefühl.

Unsere eigenen Lebensumstände in Pai sind einfach kindgerechter

Abgesehen von den o. g. Aspekten sind es die eigenen Lebensumstände, die uns besser gefallen, wenn wir unseren Alltag in Pai mit dem in München vergleichen. In München haben wir (nicht mehr lange) eine schöne 3 Zimmer Wohnung, aber sobald das Wetter mitspielt, zieht es uns nach draussen. Wir haben keinen Garten und in München könnten wir uns auch keinen leisten. Klar, die Spielplätze sind toll, irgendwie aber auch aus der Not geboren. Wenn man einfach Natur um sich hätte, bräuchte man diese denn überhaupt?

Wenn es uns dann zum Baden zieht, stehen wir vor dem nächsten Dilemma: wohin nur? Die Freibäder sind überfüllt, die Seen ebenso und die Isar ist Liam meistens zu kalt, da ist er etwas eigen. München ist einfach sehr dicht bevölkert und all die schönen Plätze in und um München haben einen gravierenden Nachteil: etliche andere Menschen kennen die gleichen schönen Orte und sind auch schon dort.

In Pai hatten wir wiederum ein Haus mit Garten und viel zum entdecken, wir können z.B. selbst Dinge bauen wie eine Küche und haben Platz dafür. Wenn wir baden gehen wollen haben wir die freie Auswahl zwischen kleinen Bächen, einem großen Fluss und mehreren Swimming Pools, einige davon sogar mit warmem Thermal Wasser, das Liam sehr zu schätzen weiss. Und das Beste daran: wo immer wir auch hingehen, meistens treffen wir dort Freunde und Bekannte und können spontan eine schöne Zeit miteinander verbringen, seien es Kinder oder Erwachsene. Ganz ohne langfristig geplante Termine und etlichen Verschiebungen. In München wohnt jeder in seinem Kokon, da geht man ja nicht einfach mal am anderen Ende der Stadt vorbei und klingelt an der Tür.

Habt ihr Teil 1 – 4 von dieser Artikelserie gelesen? 1,  2, 3, 4, hier könnt ihr das nachholen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit Kindern in Deutschland gemacht? Wir freuen uns auf euer Feedback!

Ähnliche Beiträge

Holt euch unsere Flugtipps und vieles mehr!

Fast geschafft - bitte bestätige deine Anmeldung in der Email, die wir dir gerade zugeschickt haben!