Warum unsere Freunde essen dürfen, was sie wollen – Gastbeitrag von Backpack Baby

von | 4. Aug, 2017 | Freies Leben als Familie | 0 Kommentare

Wir wollen unseren Kindern beibringen, dass sie alles sein dürfen und können, was sie wollen. Wir bereisen mit ihnen die Welt und zeigen ihnen fremde Kulturen, damit sie daran wachsen können. Wieso sollten wir uns dann sklavisch ausschließlich Freunde suchen, die unser Lebensmodell zu hundert Prozent leben? Fast scheint von uns erwartet zu werden, dass wir ausschließlich mit Menschen befreundet sind, die uns moralisch bis aufs Haar gleichen. Wie langweilig.

Wir kennen Freilerner, die Fleisch essen, und Veganer, die sich noch nie mit dem Freilernertum auseinandergesetzt haben – ganz zu schweigen von Menschen, die weder das eine noch das andere sind, dafür aber digitale Nomaden. Diese Liste ließe sich ewig fortsetzen. Sicher, Werte sind wichtig. Für uns, für unsere Kinder, für unsere Mitmenschen. Aber muss deshalb jeder Freund ein vegan-minimalistisch lebender Freilerner-Ökohippie sein? Wenn ich versuche Toleranz zu leben (und diese meinem Kind zu vermitteln), kann und sollte ich es nicht nur im Einheitsbrei herummatschen lassen.

Der folgende Gastbeitrag stammt von Josi, die zusammen mit ihrem Mann Olaf den Blog Backpack Baby betreiben. Wir durften sie zusammen mit ihrer bezaubernden Tochter im vergangenen Winter in Pai kennenlernen und sind sehr glücklich darüber, sie heute als Freunde bezeichnen zu dürfen. Wir hatten schöne Zeiten zusammen als Nachbarn. Nach unserem ersten Treffen schrieben die beiden folgendes über uns:

Einer der Gründe, warum wir unsere Siebensachen gepackt und uns auf die Socken, äh, Flipflops gemacht haben ist die Suche nach verschiedenen Lebenskonzepten und den inspirierenden Menschen, die sie leben. Heute durften wir den Nachmittag mit solchen Menschen verbringen. @nestingnomads werden wir sicher nicht das letzte Mal getroffen haben; nicht jeden Tag trifft man auf warmherzige, selbstlose Menschen, die noch dazu urkomisch und auf unprätentiöse Weise interessant sind.

Dürfte schlimmere Beschreibungen geben und die Tatsache, dass wir uns seitdem noch sehr oft getroffen haben und ständig in Kontakt sind zeigt, dass sie ihre ursprüngliche Einschätzung noch nicht bereuen.

Die Themen Schubladen, Missionieren und Toleranz sind ihnen und uns ein großes Anliegen und deshalb waren wir begeistert von der Idee, dass sie einen Gastbeitrag zu dem Thema schreiben. Wer könnte solche Themen besser angehen und in Worte fassen als zwei leibhaftige Philosophen – ach Moment, da ist ja schon wieder so eine Schublade 😉 Aber lest einfach selbst!

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Anders sein ist inspirierend

Was heißt das für die Freundschaften, die wir uns suchen? Wir brauchen Freunde, keine Armee von identisch denkenden Robotern. Ein gewisser Konsens sollte da sein, aber keine Gleichmacherei. Wie kann ich lernen, wenn es nicht (kleinere und größere) Widerstände gibt? Ich erwarte von guten Freunden Unterstützung und Rat, aber auch, dass ich manchmal von ihnen herausgefordert werde, damit wir gemeinsam lernen und wachsen können.

Das Schöne in unserem Leben sollte sein, dass wir uns frei und individuell entfalten können – das macht uns Menschen und unser Miteinander so spannend. Wenn nun alle von mir erwarten, dass ich mich nur und ausschließlich in den Schubladen bewege, die verschiedene Labels (digitaler Nomade, Veganer, Unschooler…) mir auferlegen, lasse ich mich ziemlich einschränken. Wenn diese Einschränkung auch noch die Wahl meiner Freunde betrifft, bleibt kaum noch Raum für mich und meine neuen Lernerfahrungen.

Lasst die tollen Leute, wie sie sind

Ich schätze an meinen verschiedenen Freunden ganz unterschiedliche Dinge. Manche kochen fantastisch vegan, andere überraschen mich damit, dass sie daran denken, mir und meiner Familie extra tierfreies Essen vom Markt mitzubringen. Manche verändern die Welt, in dem sie pausenlos demonstrieren, sich mit riesengroßen Plakaten in Bäume hängen und unermüdlich Wege, Schienen und Kraftwerkseinfahrten blockieren. Wiederum andere schreiben Texte über Themen, die ich wichtig finde, sind besonders rücksichtsvolle und selbstlose Menschen oder leben der Welt eine Alternative vor.

Muss nun jeder Aussteiger vegan und minimalistisch sein und darf seine Kinder aus Prinzip nie in die Schule schicken oder impfen? Wäre das so, dann wäre das Aussteigertum nur für sehr wenige Menschen bestimmt und das ist alles andere als tolerant.

Leben statt missionieren

Viele fordern Toleranz ein, ohne sie zu leben. Weil es eben schwierig ist, zu erkennen, dass wir intolerant sind, wenn das Selbstbild sagt, dass wir super-tolerant sind. Da laufen Programme im Hinterkopf ab, die bemerken wir gar nicht.

Ich bin ganz ehrlich: Als ich gerade damit angefangen hatte, vegan zu leben, war ich ziemlich dogmatisch. Leider. Ich habe von allen anderen erwartet, meine exakten, über Monate hinweg aufgebauten Gedankengänge zu verstehen und zu den gleichen Schlüssen zu kommen. Und ich habe tatsächlich gedacht, dass ich die eine, wahre Lösung für eine bessere Welt gefunden hätte.

Ziemlich egozentrisch, nicht wahr?

Was ich damals nicht sehen konnte: die Arbeit, die Zeit, die ich selbst investiert hatte, haben andere eben in andere Gedanken gesteckt. Wie kann ich erwarten, dass sie gleichzeitig dieselben Schlüsse ziehen wie ich? Das wäre schon ein irrer Zufall!

Reflektieren ist Schwerstarbeit, und ich bin dankbar für jeden Menschen, der sich diese Mühe macht. Oder wie es Chris von den Nesting Nomads so treffend gesagt hat: „Das Urteil über die Genialität des neuen Weges sollte sich irgendwann wieder relativieren.“ Ebenso wichtig ist es, dabei nicht von einer mühsam geöffneten Schublade gleich in die nächste zu fallen.

Häng dir keine Label-Kette um

Ich attestiere Menschen, die ganz massiv in verschiedenen Labels denken, selten eine hohe Abstraktionsfähigkeit. Vor allem, wenn sich aus einem Label (z. B. „Freilerner“) quasi logisch das nächste Label (z. B. „Veganer“) ergibt, zweifle ich ein bisschen am Urteilsvermögen meines Gegenübers. So eine Pauschalisierung kann schon mal passieren, ups, echt peinlich. Aber wenn es zum Modus Operandi wird, alle Menschen in sonderbar beschriftete Kisten zu stopfen und folglich ein bestimmtes Verhalten zu erwarten oder gar einzufordern, macht man es sich ganz schön leicht und den anderen damit ziemlich schwer. Ich muss mich ja nicht allen möglichen Kisten zugehörig fühlen, nur weil ich mal bei einer vorbeigeschaut habe.

In solchen Situationen kann ich als Gegenüber entweder peinlich berührt versuchen, die mir auferlegte Rolle halbwegs überzeugend zu spielen (das braucht wenig Talent, die Menschen sehen gern, was sie ohnehin erwartet haben), oder aber Verwunderung und Widerwillen ernten, wenn ich mich weigere, in den genannten Kisten hocken zu bleiben und zu funktionieren. Ein offenes und angenehmes Miteinander stelle ich mir anders vor.

Die wahre Schublade gibt es nicht

Die wahre Schublade gibt es nicht. Schubladen sind überhaupt Quatsch.

Ja, es macht das Leben einfacher, die Dinge in Kategorien einzuordnen, aber hier lauern auch viele Gefahren. Rassismus, Sexismus oder das Verstoßen von Nicht-Veganern aus Prinzip fallen da in eine erschreckend ähnliche Kategorie. Wenn wir wirklich frei und offen leben und vor allem tolerant sein wollen, bleibt uns nur eins: Wir müssen uns die Arbeit machen, unsere Gegenüber unvoreingenommen zu betrachten. Nach Möglichkeit jeden einzelnen, ganz bestimmt aber die, über die wir urteilen wollen. Klingt schwierig? Nö, das ist eigentlich ganz leicht und eine Frage der Übung.

Über den Tellerrand hören

Ich schaue nicht auf den Teller, sondern höre lieber auf das, was mein neuer Freund sagt und schon bin ich statt angepisst manchmal richtig überrascht und begeistert. Wenn dann zufällig das auf dem anderen Teller liegt, was ich auch gern esse, ist das natürlich super – eine weitere Gemeinsamkeit. Wenn nicht, finde ich entweder welche in den vielen, vielen anderen Lebensbereichen, die uns Menschen ausmachen, oder ich entscheide – halbwegs fundiert – „Also der Paul Meier, der ist einfach nichts für mich.“ Da kann Tofu oder Schweinerippe zwischen seinen Frontzähnen stecken. Wenn er Quatsch redet, ist das sowieso egal. Wenn er hingegen Dinge sagt, die mich interessieren und bewegen, sollte es doch umso gleichgültiger sein, nicht? Wenn wir besondere Menschen getroffen haben, dann sollten wir sie festhalten, egal was auf ihren Teller liegt. Sonst verpassen wir was.

Miteinander leben und leben lassen

Vegan leben, frei-lernen, minimalistisch leben – all das sind Strategien. Sie sollen uns helfen, gut zu leben, die Welt nach unseren Werten ein kleines bisschen besser zu machen und: sie sollen dafür sorgen, dass es uns gut geht.

All diese Methoden sind kein komplexer Wertekanon, auch wenn sie oft so verstanden werden. Sie sind Ideen, wie man nachhaltig und angenehm miteinander auskommen kann. Sie sind keine Religion, keine Ethik und auch kein Gesellschaftssystem. Das merkt man daran, dass sie nicht allumfassend sind, sondern sich jeweils nur mit bestimmten Bereichen des Lebens und Denkens beschäftigen. Wieso sollte ich Menschen ausschließen, weil sie sich für ein Problem eine andere Strategie gesucht haben? Sollte ich nicht eher beeindruckt sein, dass sie einen anderen Lösungsweg für sich finden?

Wenn ich meine Meinung hören möchte, spreche ich mit mir selbst

Unsere Freunde dürfen, nein sollen, bunt und verschieden und inspirierend sein. Wichtig für mich ist vor allem, dass ich Dinge finde, die ich an ihnen schätze. Dass wir von einander lernen können und dass wir es schaffen, über Jahre hinweg von einander beeindruckt zu sein. Ich möchte, dass auch meine Tochter möglichst viele Lebensmodelle kennen lernt, damit sie wirklich die Wahl hat. Sie soll sehen, dass sie ein guter Mensch sein kann mit und ohne Hähnchenkeule in der Hand.

Ich schätze es, wenn meine Freunde sich über ähnliche Themen Gedanken machen wie ich. Ich erwarte allerdings nicht, dass sie wie auswendig gelernt all das herunterbeten, was ich ohnehin schon denke. Gute Freunde hören zu und ziehen ihre (eigenen!) Schlüsse. Das ist gut. Wenn ich etwas anderes möchte, spreche ich mit mir selbst. Da gibt es dann wenig Input, aber immerhin auch keine unterschiedlichen Meinungen. Sehr entspannt.

Sobald ich dann wieder bereit bin für echte Unterhaltungen und Kontakt zur Welt, sehe ich darüber hinweg, dass meine Freunde andere Schlüsse bezüglich ihrer Ernährung oder Bildung ihrer Kinder gezogen haben und bin einfach glücklich, dass ich so hilfsbereite, unprätentiöse und liebe Menschen in meinem Leben habe.

Geh deinen eigenen Weg

Ich wünsche mir, dass meine Tochter erkennt, dass zum guten und glücklichen Dasein nur zwei Dinge gehören: die Geradlinigkeit, den eigenen Weg zu gehen und ihn beständig zu hinterfragen und die Fähigkeit, tolle Leute einfach mal so sein zu lassen wie sie sind. So hat man mehr vom Leben und der wunderbaren Vielfalt auf dieser Welt. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch tut, was er kann und für richtig hält. Es gibt nicht den einen wahren Weg, sondern ungefähr fünfhunderttausend – und ich bin nicht der Mensch, der diese unterschiedlichen Lebenskonzepte bewerten möchte oder kann.

Ich habe für mich im Moment einen Weg gefunden, der sich richtig anfühlt. Parallel schmule ich bei meinen ganz unterschiedlichen Freunden und schaue mir hier und da einiges ab. Und so, da bin ich sicher, machen wir alle uns selbst, unsere Freundschaften und die Welt auf sehr elegante Weise gemeinsam besser. Ganz ohne Dogmatismus und Moralkeule.

Lasst ihr eure Freunde sein, wie sie sind, oder fallt ihr manchmal in die Schublade? Erzählt es uns in den Kommentaren!

 

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