Wir möchten so langsam immer mehr über unsere Erfahrungen mit einem Freilerner Kind schreiben und davon erzählen. Aktuell gibt es dazu auch noch einen Online Bildungskongress, der sich mit den Themen Freies Lernen auseinandersetzt.

Den Anfang macht der nachfolgende Artikel, in dem wir in erster Linie mal die grobe Idee des Freilernens vorstellen möchten und eine erste Geschichte aus unserem Alltag erzählen werden, die sehr schön demonstriert, wie leicht lernen für kleine Kinder ist, wenn sie nur den für sie richtigen Anreiz und die richtige Motivation haben.

Was ist Freilernen überhaupt?

Wenn man gegenüber Menschen in Deutschland den Begriff „Freilerner“ verwendet, stößt man neben vielen anderen, teilweise negativen Reaktionen, vor allem auf eins: große Unkenntnis gepaart mit einer gewissen Abneigung, trotz oder gerade wegen dieser Unkenntnis. Das ist auch nicht besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland seit mehreren Generationen keinen unkomplizierten oder legalen Weg gibt, nicht in eine staatlich anerkannte Schule zu gehen. Viele können zwar mit „Homeschooling“ noch etwas anfangen, aber selbst diesbezüglich ist die Wissenslage sehr dünn, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Tatsache, dass Deutschland mit seiner sehr restriktiven Bildungspolitik und Schulpflicht selbst im Europavergleich fast alleine steht, ist den Wenigsten bewusst.

Die vielen Grautöne der alternativen Bildungswege haben eine Vielzahl verschiedener Ausprägungen hervorgebracht, wenn man es jedoch in schwarz-weiß Kategorien unterteilen möchte, könnte man die folgenden 3 Gruppen definieren:

  • Bildung der Kinder in einer Schule: quasi die Regel (fast) ohne Ausnahmen in Deutschland. Dazu gehören sowohl normale Schulen als auch Montessori, Waldorf und viele andere Schulmodelle wie die demokratischen Sudbury Schulen.
  • Homeschooling: Heimunterricht, mit mehr oder weniger strengem Stundenplan und Lehrplan, es gibt auch viele Homeschooling Programme, die einem Lehrmaterialien etc. zur Verfügung stellen, wie zum Beispiel Clonlara. Oftmals werden auch Lehrer engagiert, die im Einzelunterricht oder kleinen Gruppen zu Hause unterrichten.
  • Freilernen oder Unschooling: Keinerlei Lernpläne oder Stundenpläne, dem Kind wird die Initiative überlassen, wann es etwas lernen möchte oder eben nicht. Es sucht sich seine Interessengebiete aus, aber ohne starre Altervorgaben nach dem Motto: Mit 9 solltest du schon alle Hauptstädte Europas kennen und sicher im Zahlenraum bis 100 rechnen können. Als eines der wichtigsten literarischen Werke zum Thema gilt John Holt’s „Bildung in Freiheit„.

Daneben gibt es viele weitere Formen wie das sogenannte Worldschooling, bei dem Reisen und das Lernen von verschiedenen Kulturen einen wichtigen Faktor ausmachen. Auf all diese Varianten einzugehen würde jetzt aber den Rahmen etwas sprengen.

Eine der bekanntesten und beeindruckendsten Figuren der Freilerner-Befürworter ist Andre Stern, selbst Freilerner und neben vielen anderen Dingen Gitarrenbauer, Autor und Redner. Da er das ganze Thema eh besser zusammenfasst als wir es können, möchten wir allen Interessierten das folgende Video bzw. sei Buch „Ich war nie in der Schule„* empfehlen:

Ein Kernthema unter allen Freilernern und Homeschoolern deutscher Herkunft ist, dass es in Deutschland schwierig bis unmöglich ist, sich der Schulpflicht zu entziehen. Lange Rechtsstreitigkeiten und Versteckspiele sind die Folge und am Ende steht oft der Gang ins benachbarte Ausland, sei es nach Österreich, Belgien oder Frankreich.

Es ginge auch ohne Schulpflicht – die meisten Nachbarn beweisen es

Die Schulpflicht in Deutschland geht auf eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 1871 zurück und wie die Zeit in einem Artikel bereits 2001 feststellte „beanspruchte der Staat die Oberaufsicht über die Bildungseinrichtungen vollkommen für sich allein.“ (Quelle: Schulpflicht muss nicht sein) In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass es bis 1938 trotz allgemeiner Schulfplicht nicht strafbar war, sein Kind zuhause zu unterrichten. Im Reichsschulgesetz wurde die Schulpflicht um einen Schulgebäudezwang erweitert, inklusive der damit verbundenen physischen Anwesenheitspflicht in ebenjenem Gebäude. Diese Regelung wurde in den Nachkriegsjahren so übernommen und bis heute nicht mehr ernsthaft überdacht.

Ich muss zugeben, dass mich die Gespräche in Deutschland immer etwas ermüdeten, denn letztendlich war es so, dass nahezu niemand eine Wissensgrundlage zu dem Thema hat (siehe oben, es waren ja auch alle in der Schule und alle die man kennt auch) – aber das hindert die Meisten nicht daran, eine sehr eingefahrene Meinung zu haben. Um zu erkennen, dass es wohl noch andere Wege geben kann, reicht ein Blick ins benachbarte Europäische Ausland:

  • Österreich: Es gibt eine Bildungspflicht. Klingt ähnlich wie die deutsche Schulpflicht, ist aber grundlegend anders. Es wird nämlich damit nur definiert, dass ein Kind jährlich einen Test ablegen muss, in dem der Bildungsfortschritt geprüft wird. Macht zwar klassisches Freilernen eher schwierig, aber nicht unmöglich und ist ein Schritt in eine andere Richtung.
  • Schweiz: keine einheitliche Regelung, aber in den meisten Kantonen ist Heimunterricht erlaubt, wenn auch nach relativ strengen Vorgaben und Auflagen.
  • Frankreich: Ähnliche Regelung wie Österreich, aber im Prinzip wird den Eltern freie Hand gelassen beim Lernfortschritt, es gibt keinen standardmäßig vorgeschriebenen jährlichen Test wie in Österreich. Wenn die Kinder in kein Fernprogramm eingeschrieben sind, welche breitflächig angeboten werden, bekommen die Familien bis zu zwei Mal pro Jahr Besuch von der Bildungsbehörde, um Kindeswohl und Lernfortschritt zu überprüfen. Ein beliebtes Ziel für Freilerner, was man an den mehr als 20.000 Familien sehen kann, die von den Regelungen Gebrauch machen.
  • Belgien: Alle zwei Jahre werden zu Hause unterrichtete oder freilernende Kinder getestet, bei zweimaligem Nicht-Bestehen müssen Sie fortan ein Schule besuchen. Viele Deutsche Freilerner Familien zieht es hier mittlerweile hin.
  • Italien: Grundsätzlich kaum Hindernisse auf dem Weg zum Heim- oder Selbstunterricht.
  • Dänemark: es besteht zwar ein gesetzlich verankertes Recht auf Heimunterricht, dieses wird aber wenig genutzt. Ein Grund dafür dürfte die extrem breit gefächerte Palette an Schulmodellen sein, von denen viele keinen starren Plänen folgen und sich eher an den Interessen und Bedürfnissen der Kinder orientieren.
  • Niederlande: Grundsätzlich ist Heimunterricht nicht vorgesehen, es werden aber Ausnahmen genehmigt.

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen, es gibt kaum andere Länder in Europa (Schweden beispielsweise ist vergleichbar strikt), das derart rigoros gegen Heimunterricht in irgendeiner Form ist, wie Deutschland. Mehr Informationen und einige interessante Fallbeispiele hat dieser OYA Artikel sowie in diese PDF des Unerzogen Magazins zu bieten, zwar aus dem Jahr 2008 aber dennoch größtenteils aktuell.

Aber in die Schule gehen ist doch wichtig, weil…

So oder ähnlich fangen viele Sätze an, mit denen man konfrontiert wird. Wir möchten auch gerne auf einige davon eingehen in der nächsten Zeit, aber mal in aller Kürze. Schule ist wichtig, weil…

  • …die Kinder sonst keine soziale Entwicklung durchlaufen: eines meiner Lieblingsargumente. Ein paar Studien zu dem Thema findet man in diesem Artikel von Eclectic Homeschool, darin wird vor allem auf eine Studie von Dr. Brian D. Ray verwiesen, die eher das Gegenteil belegt. Wer unser Kind kennt weiß auch, dass seine bisherige Sozialisation als durchaus gelungen bezeichnet werden kann, auch ohne Kita oder Kindergarten.
    Davon abgesehen, wenn nur die Regelschule für eine gute Sozialisation der Menschen sorgt – warum trifft man in Deutschland dann so viele Erwachsene, deren größte Stärke nicht gerade Empathie und soziales Verhalten sind? Vielleicht ist die Schule dabei doch nicht der zentrale Faktor.
  • …die Kinder sonst in Isolation aufwachsen: eng verknüpft mit dem ersten Punkt, denn wer isoliert von anderen Kindern ist kann ja nicht sozialisiert sein. Aber erstens, wer sagt denn, dass unser Kind isoliert wird? Und zweitens, Isolation kann auch inmitten einer Gemeinschaft ein Thema werden, wenn man der Kleinste, Schwächste oder aus anderen Gründen ausgeschlossene ist.
  • …sonst verrückte Eltern ihre Kinder mit radikalen Ansichten verderben. Das irrelevanteste Argument in unseren Augen. Das trifft nämlich nicht auf uns zu, warum sollte das also unsere persönlichen Entscheidungen beeinflussen. Und ganz ehrlich, ein wirksames Gegenmittel dazu stellen Schulen nicht wirklich dar.
  • …das Kind sonst nichts lernt. Es gibt meines Wissen keine Studien, die diese These belegen. Im Gegensatz dazu gibt es einige Studien, die das Gegenteil belegen. Aber auch dazu an anderer Stelle mal mehr.

Der Erste Freilerner Kongress – relevant für alle Eltern!

Am 18. März startete der Bildungskongress*, veranstaltet von Lena Busch und ihrem Mann vom Freilern Blog. Interessanterweise läuft der Kongress unter dem Artikel Bildungskongress, erst in der Tagline kommt der Zusatz „Für freies Lernen und freie Bildung“. Und genau das ist ein zentrales Thema aus unserer Sicht, unabhängig von diesem Kongress – Bildung sollte nicht an Schulgebäude und starre Strukturen gebunden sein, sondern frei und selbstbestimmt sein!

bildungskongress

Wenn man den Kongress verpasst hat, kann man die Inhalte nachträglich erwerben. Geht dazu einfach auf die Seite des Bildungskongress* und meldet euch an.

Cars anschauen und Zahlen lernen

Wie anfänglich erwähnt möchten wir aber den Start dieser Artikelreihe auch nutzen, um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern. Kurz vor dem vierten Geburtstag unseres Sohnes gab es eigentlich nur ein Thema: Cars, also den Cartoon mit den sprechenden Autos.

Er darf nur sehr wenig Film schauen, ein Fernseher lief bei uns in Deutschland nie wenn er wach war und so waren das Schauen von einigen Szenen Cars auf dem Tablet immer etwas Besonderes für ihn. In den ersten Monaten ging es primär um die Unfälle und die Rennen, ich musste dann immer mit ihm Rennen fahren, meistens mit dem Fahrrad. Und der junge Mann ist schon recht schnell für sein Alter. Aber kurz vor seinem vierten Geburtstag entdeckte er dann, dass die ganzen Rennautos Startnummern hatten. Er konnte die Ziffern zwar schon vorher lesen, aber keine mehrstelligen Zahlen benennen.

Innerhalb kürzester Zeit wusste er die Nummer von jedem Auto auswendig und suchte im Alltag nach vergleichbaren Nummern. Und so kam es, dass wir keine Hausnummer und kein Autokennzeichen mehr verpassen durften. Es dauerte nur ca. 10 Tage und er konnte bis zu vierstellige Zahlen richtig lesen. Alle Rollenspiele drehten sich plötzlich um Zahlen, die Wartezeitanzeige der nächsten U-Bahn war plötzlich spannend für ihn weil sich dauernd Zahlen änderten. Auch erkannte er so das Verhältnis zwischen den angeschrieben Zahlen, 12 Minuten dauert doch viel länger als 3 Minuten. Im Auto las er alle Geschwindigkeitsvorgaben laut vor und passend dazu lernte er auch gleich die Flaggen der einzelnen Länder, da die Cars Autos auch welche haben. Das hat uns viele staunende Blicke im Supermarkt beschert, da wir an der Wurst und Käsetheke durchaus unsere 20 Minuten brauchten bis alle Preise entziffert und Fahnen der Käse Herkunftsländer benannt waren.

Kurz vor dem richtigen Lesen lernen einer Uhr, hat dann das Interesse wieder abgenommen. Die Ziffern und Zahlen kann er auch immer noch lesen, bei mehr als zwei Stellen tut er sich momentan wieder etwas schwerer, mangels Übung in den letzten Monaten. Aber ich kann nicht behaupten, dass mich das nervös macht, denn was er einmal so leicht intus hatte ist auch beim zweiten Mal kein größeres Problem.

Die Leichtigkeit und Freude, mit der er sich in kürzester Zeit das Thema zu Eigen machte zeigte schön, wie leicht Kinder lernen, wenn sie nur motiviert sind es zu tun. Es zeigt auch, dass es von uns Eltern nicht viel, aber doch etwas Geduld und Anteilnahme benötigt ein Kind auf seinem Lernweg zu begleiten. Was ihr für diesen Einsatz zurückbekommt ist nicht mit Worten zu beschreiben, nämlich die volle Begeisterungsfähigkeit und Freude eines Kindes hautnah zu erleben. Kein Genörgel wegen Hausaufgaben, Überforderung oder Langeweile, sondern reinste Lebensfreude und Wissbegierde. Und dazu bald mehr…

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